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Ransomware 2026: Nicht die Systeme sind das Ziel, die Daten sind es.

Veröffentlicht: 02.02.2026

Ransomware 2026: Nicht die Systeme sind das Ziel, die Daten sind es.

Lagebericht 2025: Organisationen waren im Schnitt 1’968 Cyberangriffen pro Woche ausgesetzt, 18% mehr als im Vorjahr und nahezu 70% mehr als 2023. Die neue Normalität heisst: hohe Frequenz, tiefe Eintrittshürden, steigender wirtschaftlicher Schaden.

Ransomware: weniger Verschlüsselung, mehr Erpressungsökonomie

Während Ransomware global 2025 Rekordwerte erreichte (+53% Opfer auf Leak-Seiten), zeigt sich in der Schweiz ein differenziertes Bild: Die reinen Fallzahlen sind laut aktuellen Analysen leicht rückläufig (von 77 Fällen 2024 auf 58 Fälle 2025). Doch Vorsicht vor falscher Sicherheit in der Schweiz: Die Angriffe, die durchkommen, sind gezielter und teurer. Der Markt bewegt sich weg von der reinen Verschlüsselung hin zur reinen Erpressungsökonomie (Data Exfiltration). Für Schweizer Boards bedeutet das: Wir werden vielleicht seltener getroffen, aber wenn, dann zielt es direkt auf die Existenz und Reputation.

Für Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte verschiebt sich damit die Risikoformel: Aus dem klassischen Verfügbarkeitsproblem der Infrastruktur wird zunehmend ein Daten-, Haftungs- und Reputationsproblem, inklusive Folgekosten für Wiederherstellung, Rechtsberatung, Kommunikation und regulatorische Verfahren.

Angriffsvektor 2026: Vertrauen in Workflows

Auffällig ist der Trend, dass Angriffe weniger über «exotische» Zero-Days starten als über das, was in Unternehmen ohnehin täglich passiert: Support, Kollaboration, Browser, Identitätsprozesse. «ClickFix» gilt als eine der wichtigsten Social-Engineering-Techniken 2025.

ClickFix-Aktivität stieg um rund 500%, und die Methode tauchte in nahezu der Hälfte aller dokumentierten Malware-Kampagnen auf.

Das Prinzip ist simpel und gefährlich: Nutzer werden durch scheinbar legitime Anweisungen dazu gebracht, selbst den schädlichen Schritt auszuführen. Daraus entstehen Varianten wie FileFix und ConsentFix, die legitime System- und Cloud-Workflows missbrauchen, bis hin zu OAuth-Flows.

Der Befund ist unbequem: Klassische technische Schutzmauern wirken schlechter, wenn der Angriff über ein «korrektes» Nutzerverhalten in einem kompromittierten Prozess läuft.

Voice- und Helpdesk-Angriffe: der menschliche «Admin-Zugang»

Parallel verlagert sich Social Engineering weg von der E-Mail. Plattform- und kanalübergreifende Kampagnen kombinieren Telefon, Messaging und Echtzeit-Imitation. Besonders relevant ist «voice-driven» Social Engineering als Eintrittsvektor in hochkritische Enterprise-Vorfälle.

Ein Beispiel:

Beim Vorfall rund um Marks & Spencer wird beschrieben, dass Angreifer durch überzeugende Imitation und Helpdesk-Manipulation über einen 3rd Party Zugriff erlangten, was zum Ransomware-Einsatz führte. Genannt werden ~£300 Mio. Gewinnverlust sowie ~£136 Mio. Nettoeffekt nach Versicherung.

Entscheidend ist weniger der Einzelfall als die Methode: Wer Identitäten und Supportprozesse kontrolliert, umgeht viele klassische Schutzmassnahmen.

AI wird Infrastruktur, und damit Angriffsfläche

2025 ist AI in der Cyberrealität «unsichtbar» geworden: Sie steckt in Entwicklung, Reconnaissance, Social Engineering und Malware-Optimierung. Gleichzeitig adressieren Angreifer zunehmend das AI-Ökosystem selbst, inklusive agentischer Frameworks und Integrationsschichten.

Konkret werden direkte und indirekte Prompt-Injection als wachsendes Muster genannt. Indirekte Prompt-Injection ist besonders tückisch, weil schädliche Instruktionen in scheinbar harmlosen Artefakten stecken können: E-Mails, Dokumente, Webseiten, Tickets, und damit in den Datenströmen, die Assistenten und Agents routinemässig verarbeiten.

Hinzu kommt die Tool- und Agent-Schicht: Wo AI-Systeme mit Rechten ausgestattet werden, können Manipulationen in echte Aktionen übersetzen, bis hin zu unbeabsichtigten Tool-Invocations oder Datenabfluss. Dazu kommen Risiken rund um MCP-Ökosysteme (Integrationsserver, IDE-Plugins, Konfigurationen) und dokumentierte Schwachstellenmuster, von API-Key-Exposure bis zu Injection-Klassen.

Das zentrale Governance-Problem ist damit klar: KI ist nicht mehr «ein Produktivitätstool». KI wird zu einem System, das Daten konsumiert, Entscheidungen vorschlägt und teilweise handelt. Mit zunehmender Autonomie wächst die Notwendigkeit, Integrität, Zugriff und Nachvollziehbarkeit wie bei kritischen Produktionssystemen zu behandeln.

Cybersecurity ist Steuerung, nicht Statusbericht

Die Angriffsrealität 2026 verdichtet sich entlang von drei Achsen:

  • Skalierung: mehr Angriffe, mehr Opfer, mehr Erpressungsdruck.
  • Prozessausnutzung: Social Engineering nutzt Vertrauen in Workflows, Identität und Support als Abkürzung.
  • Neue Angriffsflächen: AI-Integrationen und Agent-Ökosysteme schaffen zusätzliche Wege für Manipulation und Datenabfluss.

Wer daraus eine reine «Security-Initiative» ableitet, greift zu kurz. Es ist eine Frage von Betriebsstabilität, Datenverantwortung und Governance. Entscheidend ist nicht, wie viele Tools im Einsatz sind, sondern ob ein Unternehmen den Risikohebel dort setzt, wo Angreifer tatsächlich ansetzen, bei Identitäten, Prozessen und Datenflüssen.

Fristen- und Aufsichtspflicht in der Schweiz

In der Schweiz verschärft sich der Governance-Druck durch klare Pflichten und Erwartungen:

  1. Für Betreiber kritischer Infrastrukturen gilt seit 1. April 2025 eine gesetzliche Meldepflicht. Cyberangriffe sind dem Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) innerhalb von 24 Stunden nach Entdeckung zu melden; fehlende Details können innert 14 Tagen nachgereicht werden. Seit 1. Oktober 2025 sind Sanktionen bei Nichtmeldung in Kraft.
  2. Beim Datenschutz gilt nach Art. 24 nDSG eine Meldepflicht an den EDÖB, wenn eine Datensicherheitsverletzung voraussichtlich zu einem hohen Risiko für Persönlichkeit oder Grundrechte führt, und zwar «so rasch als möglich». Der EDÖB konkretisiert dies im Leitfaden (inkl. Einordnung des «hohen Risikos» und Vorgehen). Gerade bei Ransomware mit Exfiltration wird «Cyber» damit automatisch auch Legal-, Kommunikations- und Haftungsthema.
  3. Für Banken ist operationelle Resilienz formell verankert. Das FINMA-Rundschreiben 2023/1 „Operationelle Risiken und Resilienz – Banken” ist seit 1. Januar 2024 in Kraft. FINMA hat zusätzlich cyber-spezifische Vor-Ort-Reviews durchgeführt und betont u.a. den Umgang mit szenariobasierten Cyberübungen.

Was Boards jetzt einfordern sollten: 10 konkrete Fragen, welche ein Board stellen muss

  1. Kronjuwelen: Welche 10 Daten-/System-Assets sind existenziell, und wie ist der Zugriff segmentiert?
  2. Identity: Wo existieren privilegierte Konten ohne starke Controls (MFA, Device Trust, PAM)?
  3. Dwell Time: Wie schnell entdecken wir «leisen» Admin-Missbrauch? (Wochen sind zu lang.)
  4. Backups: Sind Backups immutable/offline und gegen privilegierte Zerstörung geschützt?
  5. Data Exfiltration: Welche Telemetrie beweist Abfluss (nicht nur «Alerts»)?
  6. Third Parties: Welche externen Identitäten haben Dauerzugriff? Wie wird das laufend überwacht?
  7. Cloud/SaaS Drift: Wie messen wir Config-Drift und Risky Integrations in Echtzeit?
  8. AI Controls: Wo sind Prompt-/Injection- und Tool-Call-Risiken technisch mitigiert?
  9. IR Readiness: Wann wurde das Incident-Playbook zuletzt «unter Stress» geübt?
  10. Outcome-Metriken: Welche 5 Kennzahlen rapportieren wir quartalsweise an den Board (Trend + Zielwert)?

Wenn strategische Cybersecurity für Sie noch kein explizites Thema auf Board-Ebene ist, lohnt sich ein genauer Blick. Ich unterstütze Führungsgremien dabei, ihre Entscheidungsfähigkeit im Umgang mit Cybersecurity-Themen zu stärken.

Quellen